Entlauben (Defoliation): wann, wie viel und welche Blätter

Titelbild: Defolieren / Entlauben im Grow – eine Hand mit Schere schneidet ein Fächerblatt an einer blühenden Pflanze

Kaum ein Grow-Thema wird so heiß diskutiert wie das Entlauben, auf Englisch Defoliation. Die einen schwören darauf und reißen in der Blüte fast alle Blätter ab, die anderen lassen ihre Pflanzen komplett in Ruhe. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. In diesem Beitrag erkläre ich, was Entlauben bringt, wann der richtige Zeitpunkt ist, wie viel man wegnehmen darf und welche Fehler man besser vermeidet.

Was bedeutet Entlauben?

Beim Entlauben entfernt man gezielt einen Teil der großen Fächerblätter (auch Sonnenblätter genannt). Das sind die großen, gefingerten Blätter ohne Harz. Sie sind die Solarzellen der Pflanze, deshalb geht es nie darum, möglichst viele davon loszuwerden, sondern nur die, die mehr schaden als nützen.

Eng verwandt ist das Lollipopping. Dabei werden im unteren Drittel der Pflanze schwache Triebe und kleine Blütenansätze entfernt, die kaum Licht bekommen. Übrig bleibt eine Pflanze, die unten kahl und oben buschig ist, wie ein Lolli. Beides wird meistens zusammen gemacht.

Warum überhaupt entlauben?

  • Mehr Licht für die Blüten: Große Blätter, die direkt über Blütenansätzen liegen, werfen Schatten. Werden sie entfernt, kommt mehr Licht an die tieferen Buds.
  • Bessere Luftzirkulation: Ein dichtes Blätterdach staut feuchte Luft. Mit weniger Blattmasse kann die Luft besser durchziehen, und das Risiko für Schimmel wie Botrytis oder Mehltau sinkt deutlich.
  • Energie dorthin, wo sie zählt: Tiefe, beschattete Blätter und Triebe verbrauchen Energie, bringen aber kaum etwas. Ohne sie steckt die Pflanze mehr Kraft in die oberen Blüten.
  • Weniger Trimmarbeit: Wer vor der Ernte schon aufgeräumt hat, muss nach der Ernte deutlich weniger schneiden.
  • Bessere Kontrolle: In einer luftigen Pflanze sieht man Schädlinge, Mangelerscheinungen oder Schimmel viel früher.

Was sagt die Wissenschaft?

Ehrlicherweise: weniger, als viele Shops und Foren behaupten. Angaben wie „30 % mehr Ertrag“ stammen fast immer aus Erfahrungsberichten, nicht aus kontrollierten Versuchen. Eine israelische Studie von 2021 (Danziger & Bernstein, Fachzeitschrift Plants) hat gezeigt, dass mehr Licht im unteren Bereich durch Entlauben und das Entfernen unterer Äste dort den Wirkstoffgehalt erhöht und die Pflanze insgesamt gleichmäßiger macht. Ein höherer Gesamtertrag ließ sich daraus aber nicht klar ableiten.

Mein Fazit daraus: Entlauben ist kein Wundermittel, aber richtig gemacht sorgt es für ein gesünderes Klima in der Pflanze, gleichmäßigere Blüten und weniger Schimmelrisiko. Falsch gemacht kostet es dagegen garantiert Ertrag.

Der richtige Zeitpunkt

Beim Entlauben ist das Timing wichtiger als der Schnitt selbst. Bewährt hat sich ein Ablauf in drei Phasen:

PhaseZeitpunktWas wird gemacht?
1. Wachstumspäte Wachstumsphase, etwa alle 2 Wochen, nicht vor Woche 4 bis 5 nach der Keimungalte, gelbe und stark beschattete Blätter entfernen, schwache Triebe unten wegnehmen
2. Blüteetwa Woche 3 bis 4 der Blüte, wenn der Stretch vorbei istder eine große Schnitt: Lollipopping unten und Fächerblätter, die Buds verdecken
3. Vor der Ernteetwa 1 Woche vor der Erntegroße Fächerblätter ohne Harz entfernen, erleichtert das Trimmen

Zwischen den Phasen gilt: Finger weg. Ganz besonders während des Stretchs, also in den ersten etwa zwei bis drei Wochen nach der Umstellung auf 12:12. In dieser Zeit verdoppelt die Pflanze oft ihre Höhe und braucht jedes Blatt als Energiequelle. Auch in der Hauptblüte zwischen Phase 2 und Phase 3 sollte man nur noch gelbe oder kranke Blätter entfernen.

Bei den Zeitangaben sind sich übrigens nicht alle einig. Manche Grower entlauben schon direkt am Tag der Umstellung und noch einmal um Tag 21 der Blüte herum, andere warten konsequent, bis der Stretch komplett vorbei ist. Wichtiger als der exakte Tag ist, dass die Pflanze gesund ist und genug Zeit hat, sich zu erholen.

Wann du nicht entlauben solltest

  • Bei jungen Pflanzen: Keimlinge und junge Pflanzen brauchen jedes Blatt, um Wurzeln und Struktur aufzubauen. Wie die ersten Wochen ablaufen, steht in meinem Beitrag Anzucht: Vom Samen bis zum Keimling.
  • Während des Stretchs in den ersten Wochen der Blüte.
  • Bei geschwächten Pflanzen: Kranke, gestresste oder von Schädlingen befallene Pflanzen erst wieder aufpäppeln.
  • Direkt nach anderem Stress: Nach dem Toppen, Umtopfen oder starkem Training der Pflanze erst ein bis zwei Wochen Erholung gönnen.
  • Bei Mangelerscheinungen: Gelbe Blätter können auch ein Zeichen für Nährstoffmangel sein, zum Beispiel bei Calcium oder Magnesium. Dann hilft Entlauben nicht, sondern das Problem muss im Gießwasser gelöst werden. Dafür gibt es meinen CalMag-Rechner.

Wie viel darf weg?

Als Faustregel gilt: höchstens 20 bis 30 % der Fächerblätter auf einmal. Gesunde, kräftige Pflanzen vertragen in der späten Wachstumsphase auch etwas mehr. Lieber in mehreren kleinen Schritten arbeiten als einmal alles auf einen Schlag. Was weg ist, ist weg, gerade in der Blüte wachsen kaum neue Fächerblätter nach.

Statt Blätter zu zählen, hilft eine einfache Linie als Orientierung: Alles, was etwa 30 bis 45 cm unter der Spitze des Blätterdachs sitzt, bekommt kaum noch genug Licht für gute Blüten. Dort setzt man beim Lollipopping an.

Welche Blätter kommen weg?

  • große Fächerblätter, die direkt über einem Blütenansatz liegen und ihn verschatten
  • Blätter, die nach innen wachsen und das Innere der Pflanze zustopfen
  • gelbe, braune oder kranke Blätter
  • im unteren Bereich schwache Triebe und kleine Blütenansätze, die nie richtig dicke Buds werden (Lollipopping)

Dranbleiben sollten dagegen die kleinen, harzigen Zuckerblätter direkt an den Blüten. Sie schützen die Buds und betreiben selbst Photosynthese. Auch gesunde Fächerblätter ganz oben, die volles Licht abbekommen, arbeiten für die Pflanze und bleiben.

So gehst du vor

  1. Werkzeug vorbereiten: Eine saubere, scharfe Schere, am besten mit Alkohol desinfiziert. Saubere Hände oder Handschuhe.
  2. Von unten nach oben arbeiten: Zuerst das untere Drittel aufräumen, dann Schritt für Schritt nach oben.
  3. Am Blattstiel schneiden: Das Blatt direkt am Ansatz des Stiels abschneiden. Keinen langen Stummel stehen lassen, der stirbt ab und kann Schimmel anziehen.
  4. Zwischendurch Abstand nehmen: Immer wieder einen Schritt zurückgehen und die ganze Pflanze anschauen. So passiert es nicht, dass eine Seite plötzlich kahl ist.
  5. Nach dem Schnitt in Ruhe lassen: Klima stabil halten und der Pflanze ein paar Tage zur Erholung geben, bevor man weiter trainiert oder schneidet.

Einzelne Blätter lassen sich in der Wachstumsphase auch mit der Hand abknicken. In der Blüte würde ich aber immer die Schere nehmen, denn beim Abreißen kann ein Streifen Haut vom Stängel mitgehen und die Pflanze unnötig verletzen.

Leicht oder radikal? Die Sache mit dem Schwazzing

Die extremste Form des Entlaubens heißt Schwazzing, bekannt geworden durch das Buch Three A Light von Joshua Haupt. Dabei werden zu Beginn der Blüte und etwa drei Wochen später fast alle Fächerblätter entfernt. Die Pflanze sieht danach regelrecht nackt aus. Die Idee: Sie soll so all ihre Energie in die Blüten stecken.

Manche Grower erzielen damit tolle Ergebnisse, belegt ist die Methode aber nicht. Sie funktioniert nur mit sehr kräftigen Pflanzen, starkem Licht, perfektem Klima und guter Nährstoffversorgung. Für Einsteiger ist das nichts. Ein moderates Entlauben bringt die meisten Vorteile mit deutlich weniger Risiko.

Besonderheit: Autoflower

Bei Autoflowern ist besondere Vorsicht angesagt. Sie blühen nach einer festen inneren Uhr, unabhängig vom Licht, und haben nur wenige Wochen Wachstumsphase. Jeder Tag, an dem sie sich von Stress erholen müssen, fehlt am Ende bei der Ernte, denn sie können die Zeit nicht nachholen.

  • In der Wachstumsphase gar nicht entlauben.
  • In der Blüte nur einzelne Blätter entfernen, die direkt auf Buds liegen, am besten wenige pro Tag über mehrere Tage verteilt statt alles auf einmal.
  • Kurz vor der Ernte können die großen Fächerblätter wie bei normalen Pflanzen weg.

Häufige Fehler

  • Zu viel auf einmal: Die Pflanze gerät in Stress, stoppt im Wachstum und kann im schlimmsten Fall Zwitterblüten bilden.
  • Im Stretch schneiden: Der wohl häufigste Fehler und der, der am meisten Ertrag kostet.
  • Die falschen Blätter: Gesunde Blätter ganz oben wegnehmen, während unten die schattigen bleiben.
  • Zuckerblätter abschneiden: Die gehören zu den Blüten und bleiben dran.
  • Schmutziges Werkzeug: Über Schnittstellen können Keime und Pilze in die Pflanze gelangen.
  • Kranke Pflanzen entlauben: Eine geschwächte Pflanze braucht ihre Blätter, um sich zu erholen.

Mein Fazit

Entlauben ist ein Werkzeug, kein Pflichtprogramm. Wer es mit Gefühl und zum richtigen Zeitpunkt macht, bekommt eine luftigere Pflanze, gleichmäßigere Blüten und weniger Ärger mit Schimmel. Mein Rat: lieber zu wenig als zu viel, nie im Stretch und bei Autoflowern ganz besonders vorsichtig. Eine Pflanze, der man ein paar Blätter zu viel gelassen hat, verzeiht das. Eine, die man kahl geschnitten hat, nicht immer.

Wie mein Setup aussieht, findest du unter Mein Setup, und wie ich bewässere, im Beitrag über Autopot und AirDome.

Hinweis: Ich baue ausschließlich im gesetzlichen Rahmen des KCanG an und gebe nichts weiter. Dieser Beitrag dient nur der Information über Technik und Erfahrungen und ist keine Werbung. Mehr dazu auf meiner Seite Grow.

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